Nackte Damen und Herren mit Schlips
Janosch-Ausstellung in der Galerie Treffpunkt Kunst
"Über das Malen kann man leicht wahnsinnig werden" steht auf einem großen Aquarell mit einer tanzenden Katze. Davor sitzt Janosch. Und signiert. Was das Zeug hält.
Viele wünschen sich ein Autogramm von dem berühmten Erfinder der Tigerente und Co. Ganze Heerscharen drängeln sich daher in der kleinen Galerie "Treffpunkt Kunst" in Ziegelhausen, um eine Widmung zu ergattern.
Dabei erleben viele Besucher eine Überraschung, denn an den Wänden ist nicht nur die allseits bekannte und fast heile Janosch-Welt mit Bär und Günther Kastenfrosch zu sehen. Die kleinen Risse und Brüche, mit denen der Künstler seinen Kinderbuch-Kosmos entwirft, vertiefen sich im Bereich der freien Kunst: Paare mittleren Alters stieren streng frontal von der Leinwand, die Dame meist nackt, der Herr in Schlips und Kragen. Phantastische Tiere begegnen sich in der Nacht und rothaarige Schönheiten stürzen von Schiffen. Viele der Darstellungen sind mit einem Hintergrund in schwarz abgetönten Blauschattierungen versehen. Fast scheint es so, als würde sich der 75jährige Janosch auf diesen jüngst entstandenen Gemälden ordentlich austoben. Nicht mit der zart-krakeligen Linienführung, die für seine liebenswerten Figuren so typisch ist, sondern mit eher grobem Duktus. Zwar geht er dabei mit gewohnt kindlicher Manier und seinem allem innewohnenden Witz zu Werke, doch die Abgründigkeit bleibt unübersehbar. Regelrecht unheimlich wirkt zum Beispiel das Bild "Ich und mein Mann mit seinem kleinen Vogel Herrmann" von 2006. Vor nachtblauem Himmel vereint nur ein Schleier eine barbusige Frau in Boxershorts und einen fein gekleideten Herren, der mit seiner Hand vorsichtig einen kleinen orangefarbenen Vogel berührt. Die Angst und nichts Gutes verheißende Strenge im Blick der Figuren wird durch die groteske Inszenierung konterkariert, Tristesse und Fröhlichkeit ergeben eine einzigartige Mischung.
Sie passt zur schillernden Persönlichkeit von Janosch, der eigentlich Horst Eckert heißt. Schon die Entstehung seines Künstlernamens beruht auf einer Verwechslung: Von einem Vorzimmermädel wurde er 1959 dem Verleger Georg Lenz als "Janosch" vorgestellt, als ein solcher hereinzitiert und schließlich unter Vertrag genommen. Diese und andere Geschichten erzählt die Leiterin des Kindertheaters Zwinger, Frau Büschelberger, in einer launigen Eröffnungsrede. Sie weiß das Phänomen Janosch verschmitzt zu umreißen, nicht anhand nüchterner Daten, sondern mit einem Extrakt aus seinen eigenen, zuweilen autobiographisch gefärbten Büchern (z.B. "Gastmahl auf Gomera"). Janosch ist begeistert, denn der große Geschichtenerzähler hat eine diebische Freude daran, den Mythos um seine Person mit Anekdoten zu nähren, die jedes Mal ein bisschen anders klingen. Nicht nur mit seinem Umzug nach Teneriffa Ende der 70er Jahre, sondern auch mit diesen Irritationen entzieht er sich der Öffentlichkeit in Deutschland.
Janosch lässt sich und seine Kunst eben nicht gern in eine Schublade stecken.
Julia Behrens
Janosch. Bis zum 21. Oktober 2006 in der Galerie Treffpunkt Kunst in Heidelberg-Ziegelhausen.
Mit einer Spende von 25 Euro pro verkauftem Exemplar der eigens für die Ausstellung geschaffene Farbradierung "Oh du liebes, altes schönes Heidelberg" von Janosch (Auflage 99 Stück) unterstützt die Galerie Treffpunkt Kunst die Rettung des Heidelberger Theaters.
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