Wenn Türmen Flügel wachsen

James Rizzi mit neuen Arbeiten in der erweiterten Galerie Treffpunkt Kunst

Fröhlich leuchtende Gesichter, kunterbunte Straßenschluchten, flatternde Herzen und klirrende Gläser: James Rizzi "is back" in Heidelberg! Diesmal stellt der amerikanische Künstler, der vor allem durch seine 3D-Ansichten New Yorks berühmt wurde, seine Werke in der Galerie "Treffpunkt Kunst" in Ziegelhausen aus.

"Treffpunkt Kunst" war vermutlich die kleinste Galerie Deutschlands, als Angela Mahmoud sie im Juni letzten Jahres auf nur 12 qm in der Kleingemünder Straße eröffnete. Jetzt allerdings wurde die Galerie mit neu gestalteten Räumen erweitert und zur Wiedereröffnung am 24. März 2006 kam James Rizzi, um seine neuesten Arbeiten zu zeigen. Einen Tag später wurde ihm der Steiger Award in Dortmund verliehen - für sein Werk und sein umfangreiches karitatives Engagement, mit dem er momentan den Erdbebenopfern in Pakistan hilft.

Die meisten Originale und Graphiken des Amerikaners sprühen geradezu vor Optimismus und Lebensfreude: In der neuen 3D-Serie "Ladies in the moon" von 2006 schweben Damen in pittoresken Halbmonden über nächtlichen Dächern. Oder vor blauem Grund mit roten Herzen! Hier lässt Rizzi unbeschwerte Heiterkeit und einen Hauch von Erotik durch die in Mondschein getauchte Großstadt wehen.

Doch der Meister zeitgenössischer Pop Art kann auch anders. In seiner jüngsten Reihe von Zeichnungen überrascht er mit einer differenzierten Palette von Emotionen. Es sind kleinformatige "Faces" (Gesichter), die entweder lachen, weinen, schreien oder resignieren. Allerdings in typischer Rizzi-Manier, in comicartiger Verzerrung. Der schelmische Unterton des Künstlers spiegelt sich auch in den Titeln, zum Beispiel in "Sobbing siblings" (Heulende Geschwister) von 2006. Mit diesen Arbeiten distanziert er sich auf humorvolle Art von dem "Happy People"-Image, das an ihm klebt wie die Farbe auf dem "Rizzibird". Dem Condorflugzeug, das er 1996 dekorierte.

Spektakuläre Kreationen, wie die Gestaltung des neuen Beetle (1999) oder das Design für das Rizzi-House in Braunschweig (2001) sind keine Seltenheit: Im April wird der Maler, wie er in einem Gespräch mit der RNZ erzählte, zusammen mit einem Elefanten aus dem Zirkus der Ringling Brothers in New York ein Kunstwerk schaffen.

Auch vor der Verzierung von Alltagsgegenständen wie Geschirr und Kühlschränken schreckt der 1950 in Brooklyn Geborene nicht zurück. Im Gegenteil: Rizzi ist es wichtig, dass Kunst für den Normalverdiener erschwinglich ist. Immerhin begann er seine Karriere zu Studentenzeiten als Straßenmaler und wurde durch seine peppigen Konzepte für Plattencover und animierte Musikvideos bekannt.

Durchschlagenden Erfolg hatte der New Yorker schließlich mit den dreidimensionalen Grafiken (Auflagen bis zu 350 Stück), in denen er seinen primitiven, urbanen Stil entfaltet. Für jede Arbeit - Rizzi beschäftigt mittlerweile ein Team für die Ausführung seiner eigenhändigen Entwürfe - werden zwei gleiche Siebdrucke erstellt, dann alle wichtigen Details aus dem zweiten Druck herausgeschnitten und mit Schaumstoffstückchen auf die jeweils identische Darstellung des ersten geklebt. Dadurch ergibt sich ein lebendiger Effekt, der Menschen, Häuser und Taxis des "Big Apple" vibrieren lässt und so etwas wie reale Straßenschluchten evoziert. Die räumliche Dimension verstärkt sich noch, wenn die einzelnen Darstellungselemente nicht parallel, sondern schräg zur Bildfläche angebracht sind. Sie entwickeln eine plastische Körperlichkeit und tanzen als Bild im Bild ordentlich aus der Reihe. Überhaupt führen nicht nur die Menschen, sondern auch Gebäude und Gegenstände ein eigenwilliges Dasein in Rizzis Kunst. Vor allem die Wolkenkratzer haben Gesichter und verfolgen die Geschehnisse der Stadt mit belustigter, kritischer und manchmal trauriger Miene.

Rizzi schildert im Gespräch, welchen Schock und wie viel Schmerz die Anschläge vom 11. September 2001 auslösten. Doch dann entwickelte die Millionenstadt in seinen Augen eine ungeheure Stärke, mit der sie sich gegen die Katastrophe behauptete. Diese Kraft, die seiner Meinung nach auf der multikulturellen Vielfalt New Yorks basiert, lässt Rizzi weiter farbenfröhliche Bilder malen. Auch wenn darin gelegentlich ein Hochhaus weint oder die Türme des World Trade Center - mit Flügeln drapiert - davon fliegen.


Julia Behrens

James Rizzi. Treffpunkt Kunst. Kleingemünder Straße 3 in Heidelberg-Ziegelhausen.
Bis 8. April 2006.
  IMPRESSUM